News / 2. Handball Bundesliga

"Beide brauchen und wollen die Punkte!"

Im Interview Jan Gorr, Geschäftsführer des HSC 2000 Coburg

Einen Tag vor Heiligabend, am Donnerstag, 23.12.2021, stehen sich um 19.30 Uhr in der Eisenacher Werner-Aßmann-Halle der ThSV Eisenach und der HSC 2000 Coburg zum thüringisch-fränkischen Derby in der 2. Handballbundesliga der Männer gegenüber. Es ist der 15. Pflichtspielvergleich zwischen beiden Teams. Die Bilanz ist recht ausgeglichen (6 Siege, 1 Remis und 7 Niederlagen aus Eisenacher Sicht). Aktuell rangiert der HSC Coburg mit 14:16 Punkten auf Platz 10, der ThSV Eisenach mit 13:15 Punkten auf Platz 14. Beide wollen unbedingt beide Punkte. Aufgrund der angespannten Corona-Situation muss die Partie im Thüringer Handballtempel allerdings ohne Zuschauer stattfinden.

Wir sprachen zu Wochenbeginn mit Jan Gorr, dem Geschäftsführer des HSC Coburg, über die Lage bei den Franken, eigene Visionen und das Derby in der Wartburgstadt:

Kurz nachdem sich Mitte Oktober der ThSV Eisenach von seinem Coach Markus Murfuni trennte, beendeten Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem Trainer Alois Marz. Was bewog Sie zu dieser Entscheidung?

Die 1. Liga mit Alois Mraz als unserem Coach war ein sehr anspruchsvolles Projekt, das leider nicht zum Klassenerhalt geführt hat. Nach dem Abstieg haben wir unsere Mannschaft mit einem Personalwechsel neu aufgestellt. Alois Marz hat von seiner Seite her alles gegeben, sich von persönlicher und menschlicher Seite unheimlich gut eingebracht. Die Entwicklung dieser neuen Mannschaft lief aber nicht so, wie wir uns das vorgestellt und erhofft hatten. Beide Seiten haben in aller Sachlichkeit die Situation analysiert und entschieden, die Zusammenarbeit zu beenden und mit einem neuen Trainer den Neubeginn zu starten.

Was hat sich seitdem geändert? Wurden die mit dem Trainerwechsel verbundenen Hoffnungen erfüllt? 

Es hat sich viel verändert von der Konzeption und vom System her. Mit einer neuen Spielergeneration wollen wir erfolgreich sein und unseren „Coburger Weg“ weiterführen. Im Abwehrbereich hat sich die Mannschaft schon deutlich stabilisiert. In punkto Angriffshandlungen und Spielsystem wollen wir die Punktspielpause im Januar intensiv nutzen, um auch da einen deutlichen Schritt voranzukommen.

Obwohl noch relativ jung an Jahren, auf Ihrer Visitenkarte stehen viele Jahre erfolgreicher Trainertätigkeit (u.a. 2013 bis 2020 beim HSC Coburg).  Im Juli 2020 wechselten Sie von der Trainerbank des HSC Coburg in die Geschäftsführung. Zum Ende der vergangenen Erstbundesliga-Saison kehrten Sie ins Trainerteam zurück. Der HSC Coburg musste die 1. Liga mit 11:65 Punkten auf Rang 20 verlassen. Was fehlte, um im Oberhaus zu bleiben?

Aus unseren individuellen Möglichkeiten konnten wir kein schlagkräftiges Team formen. Wir waren in vielen Situationen zu berechenbar. Uns als Verein fehlten Basis und Breite, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Beide Bereiche sind unerlässlich, um in der 1. Bundesliga zu bestehen. Auf wirtschaftliche Risiken haben wir in der aktuellen Zeit mehr denn je verzichtet und von eventuellen Verstärkungen abgesehen. Die 1. Bundesliga ist eine ganz andere Welt. Damit wurden wir schonungslos konfrontiert.

Kribbelt es Jan Gorr nicht, wieder aktiv in den Trainings- und Wettkampfbetrieb einzusteigen, den Büro- mit dem Trainerstuhl zu tauschen?

Ich war sehr gerne Trainer. Das will ich nicht von der Hand weisen. Im Moment sehe ich mich in einer neuen Rolle und neuen Funktion mit einer so hohen Vielseitigkeit, dass ich keine Zeit zum Nachdenken über dieses Thema habe. Ich bin dem HSC 2000 Coburg sehr dankbar, dass er mir die große Chance eröffnet hat. Ich wollte schon immer mal hinter die Kulissen schauen. Zurzeit bin ich freilich eher als Krisenmanager gefordert. Ich bin gespannt auf die Zeit ohne Corona, die es hoffentlich (bald) gibt. Unter „vernünftigen Verhältnissen“ kann ich dann erst richtig beurteilen, ob die Trainer- oder Manager-Aufgabe künftig meine Rolle ist.

Das Agieren mit einem zusätzlichen Feldspieler, nicht nur in Unterzahl, in Überzahl mit zwei Kreisläufern zu operieren, ist schon fast Standard. Verändert sich der Handball in die richtige Richtung, wird er für den Zuschauer nicht zu kompliziert? 

Wir müssen mit der Zeit gehen. Unsere tolle Sportart macht viele taktische Dinge möglich. Wir sollten die aber nicht über die Grenzen hinaus ausreizen. Der Handball beinhaltet faszinierende Eigenschaften: athletisch, emotional, oft entscheidet nur ein Tor mehr über den Spielausgang. Der Handball lebt von Dramatik und Hochspannung. Ja, er ist was Besonderes. Die eingeschlagene Entwicklung finde ich hochspannend, ist aber auch eine Gratwanderung.

Das Umfeld in Coburg ist (ähnlich wie in Eisenach) anspruchsvoll, erwartet vom Erstliga-Absteiger ein Mitmischen an der Spitze. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage mit 14:16 Punkten? 

Natürlich wird von unserer Mannschaft stets viel erwartet. Viele personelle Veränderungen brauchen Zeit bis ein eingespieltes Team entsteht. Unsere Zuschauer, unser Umfeld ist in den letzten Jahren natürlich auch ein wenig verwöhnt worden. Jetzt befinden uns in einem Umbruch, in einer Phase, wo nicht alles so reibungslos läuft. Wie erwähnt, wir wollen den Januar nutzen, um gefestigt in die Rückrunde zu starten.

Sie sind der Geschäftsführer. Mit Sonja Hennig gibt es eine Teammanagerin. Wie ist da die Aufgabenverteilung?

Sonja ist eine ehrenamtliche Mitstreiterin, die die Auswärtsspiele organisiert, zusammen mit Iris Bilek mindestens zwei Kuchen backt, den Jungs viel abnimmt. (Anmerkung der Redaktion: Diese Rolle füllt beim ThSV Eisenach Mannschaftsleiter Ronny Oelschläger aus, unterstützt von Betreuer Volker Wesemann.) Mein Vorgänger Cveba Horvat hat mir wärmstens ans Herz gelegt, Sonja unbedingt im Team zu behalten. Und genau das habe ich auch gemacht und freue mich bis heute über Ihre Unterstützung.

Die Corona-Pandemie und ihre Bekämpfung halten unser Land weiter in Atem. Begrenzte Zuschauerzahlen oder Geisterspiele sind angesagt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit als Geschäftsführer?  

Wir alle sind, wie bereits erwähnt, in vielen Bereichen, an allen Ecken und Kanten, als Krisenmanager gefordert, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Ich trage zugleich Verantwortung für alle unsere Mitarbeiter, deren Gesundheit nicht zu gefährden, um trotz Corona unsere tolle Sportart weiter zu betreiben, um diese Zeit gemeinsam zu überstehen. Und alles in der Hoffnung, auf „normale Verhältnisse“ im neuen Jahr…

Was erwarten Sie vom thüringisch-fränkischen Nachbarschaftsvergleich am Donnerstag?

Das waren, ob in Eisenach oder Coburg, stets rassige Duelle mit ganz viel Emotionen. Die Stimmung aus beiden Fanlagern prägten diese Partien. Schade, dass es am Donnerstag ein Geisterspiel wird. Beide Teams brauchen die Punkte und wollen die Punkte, also eine sehr spannende Ausgangslage.                                                                                            

                                                                                                                                                              Th. Levknecht