News / 2. Handball Bundesliga

„Wir wissen, dass wir nichts wissen“

René Witte, Manager des ThSV Eisenach, über Zweifel und Hoffnung vor dem Saisonstart - Interview mit Axl Eger "Thüringer Allgemeine" vom 22.09.2020, also kurz vor dem Testspiel gegen den HSC Coburg. Spielbericht vom Testspiel finden Sie auf dieser Homepage!

Beim Testspiel der Eisenacher Handballer gegen Erstligist Coburg dürfen erstmals wieder Zuschauer in die heimische Werner-Aßmann-Halle.  Dennoch bleiben beim Zweitligisten viele Ungewissheiten vor dem Saisonstart im Oktober. Wir sprachen unmittelbar vor dem Anpfiff mit Manager René Witte, der zu Beginn der Krise im Frühjahr den Schulterschluss mit anderen Thüringer Top-Vereinen forciert hatte.

 

KÖNNTE DER MITTWOCH EINE GENERALPROBE FÜR DIE PUNKTSPIELE SEIN?

Ja. Denn danach werden wir mit dem zuständigen Gesundheitsamt in Bad Salzungen, wo man immer versucht, uns zu helfen, die Lage analysieren. Auf dieser Basis können wir gemeinsam festlegen, für wie viele Zuschauer die Halle freigegeben werden kann.

 

(Anmerkung: Beim Test gegen Coburg ist das Hygienekonzept voll aufgegangen. Das nährt die Hoffnung.)

 

 

 

ES BLEIBEN ZWEIFEL?

Wir wissen, dass wir nichts wissen. Wir konnten bisher weder ein Budget aufbauen, noch andere Plangrößen erstellen. Wir wissen nicht, wie viele Dauerkarten wir verkaufen können. Ohne Dauerkartenverkauf aber fehlt uns die Liquidität.

VERGLICHEN MIT DER LAGE IM MÄRZ MÜSSTEN SIE DOCH ZUMINDEST EIN BISSCHEN AUFATMEN KÖNNEN, ODER?

Nein, die Situation hat sich sogar verschärft. Jetzt kommt die Keule der Krise nämlich bei den Sponsoren an. Viele von ihnen können uns nicht sagen, ob und wie es weiter geht. Die, die es konnten, haben ihren Vertrag mit uns verlängert. Dafür sind wir sehr dankbar. Trotzdem fehlt uns ein sechsstelliger Betrag, der im Sponsoring wegbricht.

DAFÜR HAT DIE THÜRINGER POLITIK GEHOLFEN UND STELLT DEM SPORT SECHS MILLIONEN EURO BEREIT…

…wovon aber noch kein Cent bei uns angekommen ist. Wichtig ist jetzt, dass das Geld freigegeben wird. Wobei die Politik wirklich alles dafür getan hat. Nun ist die GFAW (Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung/d. Red.) am Zug. Auch da arbeitet man mit Hochdruck. Dort mussten wir bis zum 31. August den Antrag einreichen. Zunächst aber nur für den Zeitraum vom 17. März bis Ende August. Im November folgt der nächste Antrag bis zum Jahresende. Die sechs Monate bis zum Juni 2021 kommen erstmal gar nicht vor.

WARUM NICHT?

Weil sich die Formulare wie bei einem normalen Unternehmen am Kalenderjahr orientieren. Unser Wirtschaftsjahr geht aber von Juli bis Juni. Ich habe mit meinem Kollegen Thomas Fleddermann von den Jenaer Basketballern das eigens noch einmal angemahnt. Mit der Politik waren wir uns schnell einig, dass wir das Spieljahr komplett betrachten müssten.

SIE HATTEN IM FRÜHJAHR DIE INITIATIVE „TEAMSPORT THÜRINGEN“ GEGRÜNDET, DEN ZUSAMMENSCHLUSS VON ZWÖLF VEREINEN, UM DER KRISE ZU BEGEGNEN. EXISTIERT DAS BÜNDNIS NOCH?

Wir wollen es sogar ausbauen. Die Zusammenarbeit ist in den nächsten Jahren vielleicht unsere einzige Chance. Wir sind das Aushängeschild des hiesigen Sports. Egal, ob Volleyballerinnen, Tischtennisspieler, Basketballer oder Handballer – wir vertreten bundesweit Thüringen. Man muss uns nur als Werbefigur erkennen. Wir würden gern den Thüringer Tourismusverband auf der Brust haben. In Zeiten, in denen keine großen Fernreisen möglich sind, ist es doch gerade wichtig, Touristen nach Thüringen zu locken.

KÖNNTE DER FUSSBALL MIT SEINEM FUNKTIONIERENDEN HYGIENEKONZEPT NICHT FÜR SIE, ALSO DIE ANDEREN BALLSPORTARTEN, EINE BLAUPAUSE SEIN

Der Profifußball ist weder von Zuschauereinnahmen noch von Werbebanden im Stadion abhängig, das Gros kommt aus den Fernsehgeldern. Borussia Dortmund etwa nimmt über Zuschauer ganze zehn Prozent seines Budgets ein. Wir verlieren ohne Fans und ohne Sponsoren cirka 60 bis 80 Prozent. Zudem sind die Eigenkapitalquoten im Fußball viel größer. Im Handball, Eishockey oder Basketball hat niemand einen zweistelligen Millionenbetrag auf dem Konto.

WAS WÜNSCHEN SIE SICH?

Ein möglichst einheitliches Vorgehen der Liga, das uns als Orientierung dienen kann.

SIE MUSSTEN VOR TAGEN EINEN CORONA-FALL IN DER A-JUGEND REGISTRIEREN. WIE GEHT ES DEM SPIELER?

Soweit ich weiß, geht es ihm gut. Wir wünschen dem Jungen eine schnelle Gesundung.

HAT DER FALL KONSEQUENZEN FÜR DIE BUNDESLIGA-MANNSCHAFT?

Nein, denn wir haben die Hygienekonzepte im Verein strikt getrennt. Die Spieler der ersten Mannschaft werden regelmäßig getestet.

WIE OFT MÜSSEN SIE TESTEN?

Alle sechs Tage. Bei englischen Wochen womöglich alle drei Tage. Jeden Spieler, jeden Trainer. Und alle Mitarbeiter, die eng an der Mannschaft sind. Wir haben dafür eigene Leute ausgebildet. Die Test-Kits kommen dann ins Labor, am nächsten Tag erhalten wir die Ergebnisse.

WIE IST DAS ECHO IN DER REGION KURZ VOR SAISONBEGINN?

Wir haben gewiss eine treue Anhängerschar. Aber eben auch seit sechs Monaten praktisch keinen Kontakt mehr zu den Fans. Die Nähe zwischen Umfeld und Mannschaft geht verloren, das ist durchaus dramatisch. Wir versuchen das mit allen Mitteln zu verhindern.

WAS KÖNNEN SIE DEN FANS SAGEN?

Ich kann nur vertrösten. Und appellieren, geduldig zu sein. Möglicherweise werden wir den einen oder anderen verärgern, traurig machen – weil er nicht in die Halle darf. Oder nur unter hohen Auflagen. Aber wir wollen so schnell wie möglich Klarheit schaffen, was den Dauerkartenverkauf betrifft.

WORAUS SCHÖPFEN SIE HOFFNUNG?

Aus der Tatsache, dass immer noch wir, und ich zähle Kultur und Theater ausdrücklich dazu, der Kleister sind, der alles zusammenhält. Wo die Menschen nach einer Arbeitswoche zur Zerstreuung hingehen.

DIE MANNSCHAFT IST SPORTLICH BEREIT FÜR DEN SAISONSTART?

Sie hat ein bewegtes halbes Jahr hinter sich. Gehaltsverzicht, Kurzarbeit. Dafür bin ich jedem dankbar. Wir haben unseren Kader verkleinert, es sind ja nur noch 16 Spieler. Aber die Ansätze sind gut, das Klima ist gut. Eine solche Krise kann auch zusammenschweißen. Man spürt, dass hier etwas wächst.