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Der Trainer, der Corona nur knapp überlebte

Das ganz besondere Interview mit Stephan Swat, Trainer des EHV Aue: „Es war verdammt hart“ – „Corona-Leugner sollten auf die Intensivstationen gehen und sich das Leid ansehen!“

Zwei Monate Intensivstation. Zwölf Tage Koma. Und ein langer Weg zurück ins Leben. Wie die Erkrankung Stephan Swat vom Handball-Zweitligisten EHV Aue verändert hat - zum Positiven.

Es ging um Leben und Tod für Stephan Swat. Fast zwei Monate lag der Trainer des Handball-Zweitligisten EHV Aue Ende 2020 auf der Intensivstation, zwölf Tage im Koma. Wegen einer Corona-Infektion. „Es war ein sehr prägendes Jahr“, sagt der zweifache Familienvater. Seit dieser Saison ist Swat zurück in seinem Job. Im Interview sprach der frühere Kreisläufer über seine Erkrankung und was sie ihn gelehrt hat.

                Herr Swat, wie geht es Ihnen heute?

Ich bin leider immer noch nur eingeschränkt belastbar. Die Lunge funktioniert noch nicht so, wie sie soll. Es kann auch niemand sagen, ob sie das noch mal zu 100 Prozent wird. Und ich habe noch Nervenschädigungen im rechten Arm und Taubheitsgefühle in den Zehen und Beinen. Aber: Ich laufe wieder, und freue mich mehr über das, was geht, als dass ich damit hadere, was nicht geht. Das Entscheidende ist: Ich lebe.

Dass Sie überleben würden, danach sah es eine Zeit lang nicht aus. Wie geht es Ihnen psychisch?

                   Gut. Ich nehme das Leben viel bewusster wahr als vorher.   

                Das hört sich immer so platt an, aber es ist tatsächlich so.

Haben Sie Angst, dass Sie sich noch mal infizieren könnten?

Eher Respekt als Angst. Ich achte - wie allerdings auch vorher schon - darauf, dass ich Menschenansammlungen meide, zumindest dass ich nicht ohne Maske bin. Ich bin auch zweimal geimpft. Von daher gehe ich davon aus, dass, selbst wenn ich noch mal Corona bekommen würde, es nicht noch mal so schwer verlaufen würde.

Konnten Ihnen die Ärzte erklären, warum Sie so einen schweren Verlauf hatten?

Nein. Die Ärzte rätseln selber. Ich hatte auch keine Vorerkrankungen und gehörte zu keiner Risikogruppe.

Mit 44 sind Sie ja auch noch relativ jung.

Richtig. Ich war das Küken auf der Intensivstation, haben sie dort immer gesagt. Anfangs hatte ich einen Zimmerkollegen, der war 79. Er hat's Gott sei Dank auch geschafft. Damit war er so ein Stück weit Vorbild für mich. Ich dachte: Wenn's der schafft, dann schaffst du das auch. Aber es war verdammt hart, echt ein Kampf.

Angefangen hat er mit der Infektion. Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

Es kann nur beim Handball gewesen sein. Wir hatten am 14.11.2020 das Heimspiel gegen Bietigheim. Dort haben sich entweder die Bietigheimer bei uns oder wir uns bei ihnen angesteckt. Am Montag danach hatten wir Mannschaftstraining, am Dienstag dann die regulären Tests. Da waren schon die ersten Spieler von uns positiv, ich noch nicht. Wir mussten dann alle in Quarantäne, und beim nächsten Test am Freitag, es war der 20.11., war mein Ergebnis dann auch positiv.

Hatten Sie da schon Symptome?

Ja, der Test war nur noch die Bestätigung für meine Befürchtung. Ich hatte am Donnerstag schon leicht Schnupfen und Unwohlsein. Am Freitag hab ich für meine Familie Mittagessen gekocht und nichts mehr gerochen, obwohl ich was gebraten habe. Und dann ging's schnell. Am Sonntag lag ich mit 41 Grad Fieber zu Hause, am Montag haben wir versucht, mit Antibiotika und Blutverdünnern entgegenzuwirken, aber es ging rapide abwärts. Am Mittwochfrüh, den 25.11., hat meine Frau in Absprache mit unserem Mannschaftsarzt den Notarzt gerufen, da war ich schon fast im Delirium. Die Sanitäter im Krankenwagen haben mich dann sofort an den Sauerstoff angeschlossen. Ab da ging die Maschinerie los.

Erinnern Sie sich noch, was Sie beim Abschied von Ihrer Familie gedacht haben?

Ich dachte mir: Das wird schon werden. Mein Ziel war es, Anfang Dezember wieder zu Hause zu sein.

Stattdessen wurden Sie ins Koma verlegt.

Ja, das war am 8.12. Da ging nichts mehr. Trotz Beatmung waren meine Werte so schlecht, dass es lebensbedrohlich war. So lag ich zwölf Tage im Koma. Dann habe ich durch einen Hustenanfall den Tubus (Plastikschlauch zur künstlichen Beatmung, Anmerkung der Redaktion) rausgehustet. Obwohl es kritisch war, fiel die Entscheidung, dass wir ihn nicht wieder reinschieben, sondern es konventionell versuchen. So vergingen die Tage, mit vielen anderen Schläuchen und vielen Medikamenten. Dass ich im Krankenhaus lag und dann Weihnachten war, habe ich in einem halbwachen Zustand mitgekriegt.

Wussten Sie, wie ernst es um Sie stand?

So richtig hab ich erst später stückchenweise aus Erzählungen von Ärzten und meiner Frau erfahren, dass es nicht fünf vor zwölf, sondern eigentlich schon zwölf war. Die Ärzte hatten mir eine Überlebenschance von weit unter 20 Prozent gegeben. Jetzt erst hatte ich wieder ein Gespräch mit einer Ärztin, die meinte: „Zu Weihnachten hätte ich nicht einen Euro auf Sie gewettet.“ Hab ich gesagt: „Hätten Sie mal gemacht, dann wären Sie jetzt reich!“ (lacht)

Können Sie sagen, was entscheidend dafür war, dass Sie überlebt haben?

Meine Familie, die ich unbedingt wiedersehen wollte. Irgendwie war da der Gedanke: So kannst du nicht gehen. Die Ärzte haben dankenswerterweise sehr viel Einfühlungsvermögen gezeigt und trotz Besuchsverbot eine Ausnahme gemacht. Als ich zum ersten Mal wahrgenommen habe, dass meine beiden Kinder bei mir am Bett stehen, da wusste ich, wofür ich kämpfe. Und als ich dann nach fast zwei Monaten Intensivstation und der ersten stationären Reha Anfang Februar für vier Tage nach Hause durfte, das war das Größte.

 

Sie wurden ja gebührend mit Transparenten willkommen geheißen.

Ja. Meine Familie und meine Nachbarn hatten sich richtig viel Mühe gemacht. Die Einfahrt hochzufahren und das geschmückte Haus zu betreten, das war ein richtig schöner Moment. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich dran denke.

Der Weg zurück ins normale Leben, wie einfach oder schwer ist er?

Er war und ist extrem hart und lang. Es folgten dann neuneinhalb Wochen stationäre Reha in Flechtingen bei Magdeburg, wo es drum ging, mich körperlich aufzupäppeln, sodass ich den Tag ohne Sauerstoffgerät überstehen und alltägliche Bewegungen wieder ausüben konnte. Ich hatte 25 Kilo abgenommen und so gut wie keine Muskeln mehr. Und dann kamen noch mal vier Monate ambulante Reha. Noch heute gehe ich täglich zur Physio- und Ergotherapie. Es ist viel Schweiß geflossen, und das gebe ich zu, teilweise auch Tränen. Ich musste ja quasi von null angefangen. Zum Beispiel auf der Bettkante sitzen, da war ich nach einer Minute k.o. wie nach einem Marathon. Heute freue ich mich, auch mal einen schnelleren Spaziergang machen zu können.

Was geht noch nicht wieder?

               

Joggen reicht die Luft noch nicht aus, da würde ich nach zwei Minuten japsen wie ein Hund. (lacht) Aber auch ganz einfache Dinge gehen nicht, weil die rechte Hand noch geschädigt ist. Das geht beim Türe aufschließen los. Ich bin mittlerweile ein ganz passabler Linkshänder geworden, spiele auch Tischtennis mit links. Ich trainiere weiter die rechte Hand, aber die Prognosen sind so, dass es mindestens zwei Jahre dauert, bis sie wieder normal funktioniert - falls sie das durch die Nervenschädigungen überhaupt noch mal tut.

Sie haben viel Anteilnahme aus ganz Handball-Deutschland erfahren. Was hat Sie besonders berührt?

Meine Spieler sind bei jedem Spiel in meinen alten Trikots eingelaufen, bis ich zum ersten Mal wieder in der Halle war. Das war schön. Aber ich habe mich auch über die Nachrichten und Genesungswünsche gefreut, die über alle Kanäle kamen. Es waren so viele, dass ich gar nicht alle beantworten konnte. Die Anteilnahme war überwältigend.

Ihr Vertrag wäre nach der vergangenen Saison ausgelaufen. Trotz Ihrer Erkrankung hat der EHV Aue ihn verlängert.

Darüber waren wir uns vorher schon mündlich einig. Umso schöner, dass der Verein zu seinem Wort gestanden hat. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit, dass ich in Ruhe gesund werden kann. Unser Manager Rüdiger Jurke war jeden Tag mit meiner Familie in Kontakt, der Zusammenhalt ist gut und tut gut.

Im Moment führen Sie die Mannschaft als Trainer-Trio. Sie sitzen während Spielen noch auf der Tribüne. Wäre es auf der Bank noch zu stressig?

               Ja, dafür reicht die Luft und die Belastungsfähigkeit

                einfach noch nicht aus.

In der Handball-Bundesliga gelten die meisten Spieler und Trainerkollegen als geimpft. Wie ist es beim EHV?

Bei uns in der Mannschaft sind nicht alle geimpft. Ich muss das akzeptieren, auch wenn ich es vielleicht nicht verstehen kann. Ich bin der Meinung, dass man nicht nur sich selbst, sondern auch sein Umfeld schützen sollte. Ich möchte zum Beispiel nicht meine Eltern anstecken und dann die Last tragen müssen, wenn sie im schlimmsten Fall sterben. Aber das sind persönliche Entscheidungen, die jeder für sich treffen muss. Wer sich nicht impfen lässt, der muss eben mit allen Konsequenzen leben und darf sich nicht über Einschränkungen beschweren.

Wie begegnen Sie Corona-Leugnern?

Nur noch mit Kopfschütteln. Diese Leute sollen auf die Intensivstationen gehen und sich das Leid dort anschauen.

Rückblickend: Wie hat Sie das vergangene Jahr verändert, Herr Swat?

Es hat mich zu einem positiveren Menschen gemacht. Wie gesagt, ich lebe bewusster, bin gelassener geworden, weniger gestresst und gehe die vielen kleinen Dinge, die so selbstverständlich erscheinen, viel demütiger und freudbetonter an. Ob es der Kaffee auf der Terrasse mit der Familie ist oder der Gang zur Arbeit in die Halle - für all das bin ich heute dankbar und genieße es. Ich weiß jetzt, dass wirklich jeder Tag wertvoll ist.

 

                                                                Von Natalie Gress, erschienen in der „Mainpost“ am 21.10.2021