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Fit und verletzungsfrei durch den Endspurt der Saison?!

Athletiktrainer und Physiotherapeut des ThSV Eisenach Alexander Nöthe berichtet über die Trainings- und Belastungssteuerung in den letzten Spielen der Saison, aber auch über die präventive Arbeit des ThSV. Außerdem erzählt er, warum er gerade in einem Trainingslager in der Türkei ist.

Die aktuelle Saison der 2. Handballbundesliga neigt sich langsam dem Ende zu. Der ThSV hat noch sechs Spiele vor sich. Gerade steht der Verein vor dem Doppelspieltag mit Spielen gegen den Dessau-Rosslauer HV (Dienstag, 10.05) und der HSG Nordhorn-Lingen (Samstag, 14.05). Die letzten Spieltage entspannt ausklingen lassen? Nein! Die Eisenacher probieren weiter an ihre guten Leistungen und ihre Siegesserie von 10 Siegen aus den letzten 12 Spielen anzuknüpfen. Dass die Spieler eine physisch und mental anstrengende Saison hinter sich haben, weiß auch Alexander Nöthe, Athletiktrainer und Physiotherapeut des ThSV. In einem Interview erklärt er, was die Verantwortlichen bei der Gestaltung der Trainings- und Belastungssteuerung in der letzten Phase der Saison beachten. Neben einem Blick auf die Verletzungssituation in der aktuellen Saison beschreibt er auch, wie es der ThSV geschafft hat, weitgehend verletzungsfrei durch die Saison zu kommen. Alex hat seine Spieler mit Trainingsplänen ausgestattet und ist gerade mit erfolgreichen Sportlern in einem Trainingslager in der Türkei. Was genau er dort macht, erzählt er im Interview.

In der 2. Handballbundesliga stieg laut dem VGB-Report 2021 in der Saison 2019/20 das Verletzungsrisiko an (Anstieg um 6,7 %, 84,7 Verletzungen pro 1000 Stunden Spielzeit). Besonders treten Trainingsverletzungen auf. Wie ist verletzungstechnisch die bisherige Saison für den ThSV gelaufen?

Bisher hatten wir eine durchaus gute Saison was die Verletzungen angeht, bis auf kleinere Blessuren sind wir bisher sehr gut durch diese mental und physisch harte Saison gekommen. Leider verloren wir Daniel Hideg, der nun seine Hüftbeschwerden operativ korrigieren lassen musste.

Auch der ThSV kennt Zeiten, in denen viele Spieler verletzungsbedingt auf der Bank sitzen. Wie hat es der ThSV geschafft (auch in Hinblick auf die Entwicklung des Verletzungsrisikos in der Liga) weitestgehend verletzungsfrei zu bleiben? Hat das vielleicht auch damit zu tun, dass vor allem junge Spieler im Kader sind?

Ich würde hier nicht von dem einen Grund sprechen wollen. Dieses Resultat ist Stand heute ein Ergebnis vieler Faktoren, die am Ende zum Erfolg führen. Hier ist sicher die Trainings- und Belastungssteuerung, das Kaderdurchschnittsalter, die gute Kommunikation aller handelnden Personen untereinander, die Pre- und Post-Game Routine, aber auch die Unterstützung der guten Medizinischen Abteilung in Form von angeschaffter Medizintechnik zu nennen. Von Stoßwellen und Ultraschallgeräten, Lymphhosen und anderem Equipment profitieren alle Spieler. Hierfür wurde schon im letzten Jahr ein Sonderposten in Höhe von 30000 Euro angelegt, der nicht selbstverständlich ist, das zahlt sich auf einen längeren Zeitabschnitt hin natürlich aus und sorgt für optimale Bedingungen.

Man könnte ja meinen, dass das Verletzungsrisiko mit der Spielweise zu tun hat. Wie kann es sein, dass die ThSV-Spieler unter Misha Kaufmann noch härter in der Abwehr zupacken, auch im Angriff keine Zweikämpfe scheuen, sich aber nicht ernsthaft verletzten?

Ja, das ist ein interessanter Fakt, spiegelt aber auch die Tatsache wieder, dass ein Trainerwechsel und eine neue Spielphilosophie nicht zwangsweise mit erhöhten Ausfallzahlen einhergehen muss, wenn man gut miteinander redet und abstimmt, welche Anforderungen neue Systeme im athletischen Bereich mit sich bringen und welchen Einfluss das auf die Trainingssteuerung hat, das war und ist mit Misha der Fall, danke dafür. Wir haben seit gut 3 Jahren trainerunabhängig kaum bis wenig Muskel- bzw. Kapsel-Band- oder Sehnenverletzungen, hier spielt sicher die gute medizinische Betreuung und das präventiv langfristig angelegte Athletiktraining eine Rolle. Letztlich gehört Glück aber auch dazu, das sage ich ganz offen. Alle schwerwiegenderen Dinge, die vorgefallen sind, haben durchaus Gründe. Beispielsweise resultierten beide Kreuzbandverletzung von Justin Mürköster aus massiven Traumata, welche selbst durch die beste Prävention nicht hätten verhindert werden können. Es gehört leider auch immer etwas Glück dazu bei dieser körperbetonten Sportart.

Im Spielverlauf ist es so, dass je ermüdeter die Spieler körperlich und mental sind, umso mehr sinkt ihre Widerstandsfähigkeit und das Verletzungsrisiko steigt. Wenn man sich aber den Saisonverlauf anguckt, ist am Saisonende das Risiko eher gering. Wie kann man sich das erklären?

Ich würde diesen Fakt so interpretieren, dass sich viele Spieler an eine hohe körperliche Belastung über einen längeren Zeitraum angepasst haben. Das größte Risiko besteht ohnehin nach der Sommer- oder Winterpause beim Wiedereinstieg in den Trainings- und Wettkampfbetrieb. Gegen Ende einer Saison sind manche Spieler, wenn es für ihre Mannschaft nur noch um wenig geht, sprich wenn Auf- oder Abstieg nicht mehr möglich sind, mental vielleicht nicht mehr bereit das Maximum aus ihrem Körper zu holen, niemand will das, aber es ist menschlich, denn alle wollen gesund in die neue Saisonvorbereitung starten. Manche Spieler wechseln gar den Verein, auch hier wollen sie gesund und fit beginnen, da kann das ein oder andere Prozent Leistungsbereitschaft in der alten Saison schon mal schwinden, damit lässt schlussendlich auch die körperliche Intensität nach.

Was gibt es im Präventionstraining am Saisonende besonders zu beachten? Macht man etwas anders als im bisherigen Saisonverlauf?

Ich denke hier hat jeder Handballtrainer und jeder Athletiktrainer seinen eigenen Stil, es geht hier weniger um abarbeiten von Inhalten. Ich denke was sich im Wesentlichen verändern sollte, ist die noch intensivere und engere Kommunikation im Trainerteam und auch mit den Spielern. Ein einfaches Gespräch mit den Jungs kann da mehr potenten Einfluss auf die Steuerung haben als jede Testbatterie nach Schema XY. Ich denke, wenn es eine Art Schlüssel gibt, dann ist es ein Mix aus trainingswissenschaftlichen Parametern und guter ehrlicher Kommunikation.

Theoretisch wäre es möglich, die Ausfalltage in der 2. HBL um 2/3 zu reduzieren. Studien beweisen eindeutig, dass man Verletzungen vorbeugen kann. Der Erfolg ist abhängig vom Präventionskonzept. Was zeichnet das Eisenacher Präventionskonzept aus?

Zur Halbserie lagen wir in diesem Jahr bei 67,7 Ausfalltagen gerechnet auf die gesamte Mannschaft, das ist im Vergleich zum VBG-Report wieder weit unter Durchschnitt. Ich denke unser Weg, den wir seit ein paar Jahren gehen, zeichnet sich durch vielfältige Themen aus. Das Konzept besteht aus 4 Säulen. Trainingssteuerung, abgestimmtem Trainingsinhalt, medizinischer Betreuung und langfristigem körperlichem Aufbau.

Gerade auf den letzten Punkt lege ich besonderen Wert. Der Erfolg von heute ist das Resultat aus kontinuierlicher zyklischer Arbeit mit den Spielern über Monate und zum Teil auch Jahren. Es gehört viel Trainingszeit dazu einen Organismus auf ein bestimmtes Trainingssystem umzustellen und sollte sich meiner Meinung nach immer an der Spezifik der Sportart orientieren.

Am Ende lebt aber jedes Konzept und jede Philosophie von der Umsetzung durch die Spieler, sie müssen das mittragen und den Weg mitgehen. An diesem Punkt kann ich mich nur bei unseren Spielern für die gemeinsame Arbeit und das Vertrauen bedanken.

Und dann kann sich der ThSV auch auf qualifiziertes Personal stützen, mit dir als Athletiktrainer des DOSB und Physiotherapeut, sowie Martin Münzberg und z.B. Richard Freytag, Geschäftsführer im Fitnessstudio New Life. Gibt es durch euch neben dem allgemeinen Krafttraining weitere Möglichkeiten für die Sportler etwas für ihre Prävention zu tun?

Absolut, hier muss ich erstmal ein dickes Kompliment an meine Kollegen loswerden, sie machen viel möglich, haben immer ein offenes Ohr, sind trotz eigenen Jobs immer da, wenn die Spieler sie brauchen und unterstützen die gesamte Mannschaft und das Trainerteam fachlich und menschlich sehr im täglichen Betrieb. Danke dafür!

Spezifische präventive Inhalte wie Core-Training, Mobility, neuroathletische Übungen und funktionelles Stabilitätstraining sind natürlich sowohl Inhalt des Trainings, als auch von den Spielern gern genutzte Tools zur Verbesserung der eigenen körperlichen Verfassung, die sie von uns an die Hand bekommen.

Zum Schluss kommen wir nochmal auf dich persönlich zurück. Du bist gerade in der Türkei im Trainingslager. Was genau machst du da und was sind dort deine Aufgaben, welche Parallelen gibt es dabei zu deiner Arbeit beim ThSV?

Ich darf seit Anfang des Jahres Teil des therapeutischen Teams im Deutschen Leichtathletik-Verband in der Disziplingruppe Wurf/Stoß sein. Hierbei geht es vorrangig um die Betreuung der olympischen Kaderathleten, die man so bei Großereignissen sieht. Zusammen mit anderen tollen medizinischen Kollegen aus unterschiedlichen Richtungen darf ich hier Seite an Seite mit dem Ziel arbeiten, den besten Athleten des Landes eine top Betreuung zu bieten, damit auch in Zukunft Medaillen bei Großereignissen möglich bleiben. Sportgrößen wie Johannes Vetter, Thomas Röhler, David Storl und Sarah Gambetta sind derzeit hier im Trainingslager und versuchen die besten Grundlagen für die kommende EM und WM in diesem Jahr zu legen. Im täglichen Betrieb sind meine Kollegen und ich derzeit für Behandlungen und präventive Trainingseinheiten mit den Athleten zuständig. Hier gibt es natürlich auch einige Parallelen zu meiner Arbeit in Eisenach.

Und letzte Frage: Wie hält sich eigentlich der Athletiktrainer fit?

Naja, zwischen den Einheiten hier lässt es sich bei sonnigen 26 Grad gut schwimmen und der top moderne Kraftraum ist gut klimatisiert, da bleiben keine Wünsche offen. Es bleibt also etwas Zeit, um nicht einzurosten.

 

 

 

 

Konstantin Zimmermann