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Rainer "Leo" Lehmann, einstiger Erstliga-Torhüter bei Motor Eisenach, blickt zurück

Aus der Historie: „Nach einem Flaschenwurf wurde in Dessau die Partie abgebrochen.“

„In einem um den Klassenerhalt enorm wichtigen Spiel bei ZAB Dessau, einem unserer Dauerkontrahenten in Sachen Ligaverbleib, blutete nach einem Flaschenwurf aus den Zuschauerreihen die Wade unseres Spielers Frieder Singwald. Die Schiedsrichter brachen die Partie, in der Dessau in Führung lag, ab. Das anberaumte Wiederholungsspiel in neutraler Halle in Ronneburg haben wir dann gewonnen“, erinnert sich Rainer Lehmann, von 1969 bis 1979 Torhüter der in der obersten Handball-Liga der ehemaligen DDR (der Oberliga) spielenden Männer von Motor Eisenach. Diese Liga umfasste gerade einmal 10 Mannschaften, fünf Sportclubs und fünf BSG-Mannschaften, die in Doppelspielen Samstagnachmittag und Sonntagfrüh ihre Punktspiele absolvierten. Die Halbserien wurden also rasch durchgepeitscht. Zwischen 1969/70 und 1975/76 gab es keine direkten Auf- und Absteiger, sondern jeweils Relegationsrunden der beiden Erstliga-Letzten (9.,10.) und den beiden Staffelsiegern der 2. Liga (der DDR-Liga) in Hin- und Rückspiel). Zwei dieser vier Mannschaften stiegen auf bzw. blieben im Oberhaus. Dadurch schaffte Motor Eisenach gleich 6 Mal den Klassenerhalt. „Ein Entscheidungsspiel in einer dieser Quali-Runden in Halle-Neustadt gegen Chemie Premnitz sah uns erst nach zweimaliger Verlängerung als hauchdünnen Sieger. Gerhard Wagner verwandelte per Heber den alles entscheidenden Siebenmeter“, weiß Rainer Lehmann zu berichten. „Jochen Mascher hatte mir zuvor noch extra gesagt, mach ja keinen Heber“, grinst Gerhard Wagner noch heute in Erinnerung dieser Szene. In der kleinen engen Jahnsporthalle, der Heimstätte von Motor Eisenach, wurde auch den privilegierten Sportclubs das Fürchten gelehrt. „Alle hatten gehörigen Respekt“, unterstreicht Rainer Lehmann. Viele der Ligakonkurrenten spielten schon in großen Hallen, kamen dann in den ehemaligen Pferdestall der „Kasernierten Volkspolizei“ nach Eisenach. Nahezu 500 Zuschauer in der Halle und außen an den Fenstern sorgten für eine einzigartige Atmosphäre. Selbst Tage zuvor im Europapokal erfolgreiche Clubs ließen hier Federn. Nach einem Sieg über den SC Magdeburg titelte die damalige Bezirkszeitung „Das Volk“: „Im Motor-Tor stand der Beste“. Gemeint war Rainer „Leo“ Lehmann.

Kontakte zum „Klassenfeind“ beendeten Laufbahn beim ASK Vorwärts

Diesem, am 16.04.1946 in Pirna geboren, nach einer kurzen Stippvisite beim Fußball im Alter von 13 Jahren von Schulfreunden zum Handball (damals Großfeldhandball) bei Lok Pirna mitgenommen und gleich im Tor landend, nach guten Leistungen in der Bezirksauswahl zum ASK Vorwärts Berlin und zu dessen Stützpunkt nach Straußberg gekommen, zwei Nachwuchs-Länderspiele bestreitend, wurde der Fortbestand einer Freundschaft mit einem in „den Westen abgehauenen“ ehemaligen Klassenkameraden zum Verhängnis. Kontakt mit dem Klassenfeind und gleichzeitig Handball beim NVA-Sportclub Vorwärts, das war seinerzeit unvereinbar. Es folgte eine Spielzeit bei Lok Dresden. Gerhard Wagner, Spieler bei Motor Eisenach, den Rainer Lehmann aus gemeinsamer Armeezeit kannte, machte dem jungen Torwart Motor Eisenach schmackhaft. Der gelernte Werkzeugmacher kam im September 1969 in die Wartburgstadt, stieg beruflich in den Werkzeugbau des Automobilwerkes Eisenach, dem Trägerbetrieb der viele Sektionen und 2.000 Mitglieder umfassenden BSG Motor Eisenach, ein. Der „Jungspund“ hatte es zunächst schwer, sich im Konkurrenzkampf mit dem etliche Jahre älteren Torhüterduo Wolfgang Tondock und Hermann Zöllner zu behaupten. Überhaupt, die älteren gestandenen Spieler, wie Frieder Singwald und Horst Ehrhardt (beide 1958 Deutsche Meister im Feldhandball der DDR), gaben in der Mannschaft um Trainer Horst Schmidt den Ton an. Werner Aßmann, Spielertrainer 1958, wurde noch einmal in das Traineramt zurückgeholt. „Als junge ledige Sportler sind wir schon mal zusammen um die Häuser gezogen“, erinnert sich sein Mannschaftskollege Rainer Osmann, der nach der Wiedervereinigung Deutschlands als Trainer den aus der Sektion Handball der BSG Motor Eisenach gegründeten ThSV Eisenach in die 1. Handballbundesliga führte. „Wir sind heute noch befreundet“, unterstreicht Rainer Osmann, der demnächst seinen 70. Geburtstag begeht.

 

Ab Mitte der 70er Jahre stieg die Leistungskurve bei Motor Eisenach

„Wir waren überwiegend AWE-Angestellte, trainierten Montag bis Freitag jeweils am Nachmittag. Mit Blick, beste BSG-Mannschaft zu werden, bekamen wir die Freistellung zum zusätzlichen zweimaligen Vormittagstraining“, berichtet Rainer Lehmann. Mit der Übernahme des Traineramtes durch Hans-Joachim Ursinus zur Saison 1973/74 zog ein neuer sportwissenschaftlich fundierter Wind ein, stiegen die Trainingsanforderungen, zeigte die Leistungskurve der Mannschaft kontinuierlich nach oben. Der als WM-Torschützenkönig nach Zerwürfnissen mit der DDR-Sportführung aus Leipzig zur kleinen BSG Motor Eisenach gekommene Karl-Heinz Rost brachte ganz viel Qualität ein.

Wer waren die gefürchtetsten Werfer auf der Gegenseite? Rainer Lehmann nennt den Magdeburger Kanonier Heinz Flacke, die Leipziger Axel Kählert und Karl-Heinz Rost (später auch in Eisenach) die Rostocker Rainer Ganschow und Wolfgang Böhme, Joachim Steinbach und Georg Rotenburger von Wismut Aue. Wer gehörten zu den Mannschaftskollegen bei Motor Eisenach? Stellvertretend nennt Rainer Lehmann Diplom-Sportlehrer Hans-Joachim Ursinus als Trainer, sowie die Feldspieler Lutz Sinke, Rainer Osmann, Rainer Prill, Jochen Mascher, Gerhard Wagner, Viktor Eiser und den ganz jung von der Leichtathletik gekommenen Jürgen „Bongo“ Beck. Zu seinen Torhüterkollegen zählten Hermann Zöllner, Volker Jakowanis (aus der eigenen A-Jugend aufgerückt), Roland Kaschel, der aus Leipzig gekommene Peter Witzsche und der auch aus den eigenen Nachwuchsreihen aufgerückte blutjunge Stefan Scheidt.

Rainer Lehmann nahm 1972 ein Ingenieur-Studium an der Hochschule in Schmalkalden auf. „Arbeit, Training, Punktspiele, Studium, das war eine schwere Zeit“, blickt er zurück. Nach erfolgreichem Abschluss 1977 arbeitete Rainer Lehmann als Technologe in der Arbeitsvorbereitung des VEB Automobilwerkes Eisenach. Im Jahr 1979 beendete er seine aktive Laufbahn. Der damalige BSG-Vorsitzende Horst Fulsche, Opa des heutigen ThSV-Managers Rene Witte, verabschiedete den Torhüter, der sich danach ganz viele Jahre als Übungsleiter bei Motor und dem ThSV Eisenach engagierte.

 

Trainer von Stephan Just, Rene Witte und Karsten Lehmann

Als Übungsleiter bei Motor Eisenach gehörte auch sein Sohn Karsten zu seinen Schützlingen. Dieser trat in die Fußstapfen seines Vaters, war während seiner Torhüter-Laufbahn für den ASK Vorwärts Frankfurt/Oder, Eschwege, Rotenburg, Gensungen, Melsungen, Aue und den ThSV Eisenach (hier geneinsam mit Frode Scheie und Dragan Jerkovic) aktiv. „Ich war auch Bezirksauswahltrainer verschiedener Altersklassen im Nachwuchs. Mit der Bezirksauswahl AK 12 eroberte ich den DDR-Meister-Titel“, berichtet Rainer Lehmann nicht ohne Stolz. Zu den von ihm dann zu ThSV-Zeiten trainierten Talenten gehörten der spätere Nationalspieler Stephan Just, Torhüter Frank Anschütz sowie die Feldspieler Philipp Karbe, Michael Graubner und Rene Witte.

 

Erst vor 4 Jahren in den beruflichen Ruhestand

Rainer Lehmann arbeitete nach der politischen Wende noch bis zum bitteren Aus im Automobilwerk, danach drei Jahre im sich selbständig machenden Werkzeugbau. Anschließend war er bei einem Opel-Zulieferer und im Anschluss als Schichtleiter einer Zeitarbeitsfirma tätig. Als Glücksgriff bezeichnet er das Angebot der Industrie- und Handelskammer, von 2001 bis 2011 als Ausbildungsberater tätig zu sein. Als Partner des TBZ Eisenach arbeitete er (schon als Rentner) noch bis Ende 2016 im Außendienst, ehe er endgültig in den wohlverdienten beruflichen Ruhestand ging.

Zwei Fragen an Rainer Lehmann

Rainer Lehmann, inzwischen über 50 Jahre Vereinsmitglied (bei Motor und dem ThSV Eisenach), versäumt kaum ein Heimspiel der 1. Männermannschaft. Wir befragten ihn:

 

Was hat sich am Handball im Laufe der Jahre verändert?

Es ist athletischer und schneller geworden. Zu meiner Zweit wurde weniger Wert auf Konterangriffe gelegt. „Deckung geht vor Angriff“ hieß unser Motto. Durch die Einführung der schnellen Mitte hat das Gegenstoßspiel rapide zugenommen. Heute ist der Torhüter der erste Angreifer. Die Wurfvarianten haben sich im Laufe der Jahre deutlich verändert. Früher gab es beispielsweise kaum Dreher von den Kreispositionen. Die Rückraumspieler haben sich schon mal mit einer Finte zum Kreis durchgesetzt, zumeist zogen sie, von ihren Mitspielern freigesperrt, aber aus der Distanz ab. Kurzum, durch das schnelle Konterspiel hat sich der Handball total verändert, ist körperlicher und athletischer geworden, hat an Kraft und Schnelligkeit deutlich zugelegt.

 

Wie sehen Sie als ehemaliger Erstliga-Torhüter die Leistungen der aktuellen ThSV-Schlussleute?

Die Leistungen unserer Torleute sind in jüngster Zeit schlechter geworden. Das scheint auch an deren Grundausbildung im Jugendbereich zu liegen. Was ist das Manko? Im richtigen Moment fehlt die richtige Bewegung, die sicher vom Trainer angesagten Absprachen im Zusammenspiel zwischen Deckung und Torwart klappen nicht. Meines Erachtens wird zu sehr auf die Wurfbilder aus der Videoanalyse gesetzt.

 

Th. Levknecht