News / 2. Handball Bundesliga

Rene Witte: „Die Krise bedroht unsere Existenz“

Unser Manager im Interview mit Axel Eger, Journalist der "Thüringer Allgemeinen"

Eisenach. Stille im Sportkomplex Katzenaue. Kein Trainingsbetrieb, kein Sport. Der Handball ruht. Der Spielplan, der für diesen Sonnabend das Traditionsderby mit dem alten Rivalen Aue vorgesehen hatte, ist nur noch Makulatur. Auch beim Zweitligisten ThSV Eisenach, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiern wollte, sind viele Fragen offen. Sogar die, wie es überhaupt weitergehen kann. Manager René Witte will sich zusammen mit anderen Thüringer Vereinen für nötige Hilfe der Politik starkmachen.

 

Der Spielbetrieb im Handball ruht, Ihr Job gewiss nicht?

Nein, wahrlich nicht. Alle zwei Tage besprechen wir in einer Telefonkonferenz mit den Vereinen der ersten und zweiten Bundesliga, dem Präsidium der Handball-Bundesliga (HBL) und dem Lizenzierungsausschuss alle Themen, die die aktuelle Krise mit sich bringt. Im Mittelpunkt steht die Frage nach Fortführung oder Abbruch der Saison.

 

Welches Stimmungsbild zeichnet sich ab?

Die Bundesliga hat den Spielbetrieb bis 23. April ausgesetzt, danach will man entscheiden. Die HBL möchte die Saison möglichst zu Ende spielen. Für die 2. Liga ginge das Szenario so: Das Spieljahr endet am 30. Juni. Bei noch zehn ausstehenden Spielen bräuchte man fünf Wochen mit jeweiligen Doppelspieltagen, davor vielleicht noch zwei Wochen, um den Trainingsbetrieb wieder zu starten. Rechnet man das rückwärts, kommt man auf eine Deadline, bis wann man sich endgültig festgelegt haben muss.

 

Darüber stehen aber noch die Entscheidungen der Politik.

Natürlich. Wir sind abhängig von bundesweiten, länderspezifischen und kommunalen Gegebenheiten. Die HBL kann nur das entscheiden, was die Länder oder Kommunen freigeben. Wenn wir nicht in der Fläche die gleichen Bedingungen haben, wird es nichts. Es gibt deshalb auch eine Arbeitsgruppe, die sich mit den Szenarien eines Saisonabbruchs befasst. HBL-Präsident Uwe Schwenker etwa ist ganz persönlich der Meinung, dass wir die Saison nicht mehr zu Ende spielen werden.

 

Was denken Sie?

Die Saison abzubrechen ist nach meinem Dafürhalten die einzige Lösung. Der Sport kann sich nicht höher stellen als das normale Leben. Und das bricht gerade komplett ein. So oder so: Wir als Verein brauchen eine Entscheidung. Nur dann können wir mit Sponsoren, Zuschauern, Dauerkarteninhabern reden. Derzeit kommen wir keinen Zentimeter voran.

 

Wie geht es dem Patienten ThSV Eisenach in diesen Tagen?

Die Kurzdiagnose lautet: Uns sind alle Einnahmen eingebrochen, aber wir hängen auf den laufenden Ausgaben. Deshalb haben wir für unsere gesamte Belegschaft Kurzarbeitergeld beantragt. Bis auf ganz wenige Ausnahmen haben diesem alle zugestimmt. Ich bin froh, dass die Spieler, die sich momentan individuell mit täglichem Joggen fit halten, in dieser ungewissen Zeit so solidarisch sind und uns helfen. Es müssen alle begreifen, dass das eine der größten Krisen ist, die den Sport erfasst hat. Ich fürchte, die nächsten Jahre werden den Profisport komplett verändern.

 

Lassen sich die Verluste beziffern?

Uns geht ein hoher sechsstelliger Betrag verloren. Das ist dramatisch.

 

Und Reserven gibt es keine.

Wir haben nichts auf der hohen Kante – wie viele andere Vereine auch. Ein Spieljahr ist immer Spitz auf Knopf finanziert. Wir sind alle am Limit. Natürlich sind die Ankündigungen von Land und Bund da. Doch es dauert. Und ein Sportverein ist kein Baubetrieb. Manche Fragen in den Anträgen zum Kurzarbeitergeld sind gar nicht auf unsere Situation zugeschnitten. Wir müssen es bis zum 30. Juni schaffen, sonst bricht uns hier alles ein.

 

Wie wollen Sie da überhaupt die neue Saison planen?

Das ist aus jetziger Sicht beinahe unmöglich. Wir wissen ja nicht, welche Sponsoren überhaupt noch da sind. Wir leben von vielen Mittelständlern, die unsere Partner sind. Und die trifft die Krise ebenso hart. Die müssen sich natürlich zunächst um ihre eigenen Mitarbeiter kümmern, müssen auch selbst gesund bleiben. Erst einmal muss es denen gut gehen, dann können sie auch uns wieder was Gutes tun.

 

Deshalb suchen Sie den Schulterschluss mit anderen Vereinen?

Ja, ich möchte eine Initiative starten mit Basketballern, Tischtennisspielern, Rollstuhlbasketballern, Volleyballerinnen, Fußballern. Von Nordhausen bis Suhl, von Meuselwitz bis Eisenach. Wir treiben unterschiedliche Sportarten. Aber wir haben alle die gleichen Probleme, die gleichen Sorgen, die gleichen Ängste. Man muss es so deutlich sagen: Es besteht die Gefahr, dass dieser Spitzensport in Thüringen komplett den Bach runtergeht.

 

Was wollen Sie erreichen?

Wir sind angehalten, uns gemeinsam zu positionieren, um Hilfe von der Landesregierung zu bekommen. Wir wollen partnerschaftlich darüber sprechen, wie man uns unterstützen kann. Ohne schnelle Hilfe steht mit dem Sport ein hohes Kulturgut auf der Kippe. Man muss einen Schutzschirm finden, um uns eine gewisse Planungssicherheit zu geben. Nicht zuletzt geht es um die Werte eines Vereins, der auch das Leben vieler Menschen gestaltet.

 

Wie ernst ist die Lage?

Existenzbedrohend! Denn wir sind von zwei Faktoren abhängig, nicht nur von der Corona-Krise. Danach braucht es ja erst einmal Zeit, bis die Wirtschaft sich erholt hat. Und wir stehen noch dahinter, ganz am Ende der Nahrungskette. Keiner weiß, was wirklich auf uns zukommt.

Axel Eger