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Überraschung beim HSC Coburg

Jan Gorr wechselt von der Trainerbank auf den Geschäftsführerstuhl von Erstbundesliga-Aufsteiger HSC Coburg

Das kam für viele völlig überraschend: Jan Gorr wechselt von der Trainerbank des HSC Coburg auf den Stuhl des Geschäftsführers des Aufsteigers in die 1. Handballbundesliga. Er tritt die Nachfolge des scheidenden Geschäftsführers Michael Häfner an. Der 42-jährige Jan Gorr, seit 7 Jahren Chefcoach der Franken und auch das Amt des Sportlichen Leiters innehabend, wird ab dem 1. Juli 2020 die Geschäfte der HSC 2000 Coburg GmbH führen. Das heißt zugleich, der HSC Coburg sucht einen neuen Trainer. In Jan Gorr wurde laut Vereinsmitteilung der Wunschkandidat für den Geschäftsführer-Posten gefunden. "Unser Anforderungsprofil war, dass wir jemanden suchen, der sportlich kompetent ist, aber auch die wirtschaftlichen Interessen vertritt, Führungsqualitäten hat und den HSC nach außen repräsentiert", sagt Aufsichtsratsvorsitzender Matthias Dietz, der die Gespräche mit Gorr zusammen mit Vorstandssprecher Stefan Apfel führte.

Jan Gorr im Interview

Jan Gorr nicht mehr engagiert auf der Trainerbank des HSC Coburg, für viele – zumindest Außenstehende – kam diese Entscheidung völlig überraschend. Was bewog Sie zu diesem Schritt?

Das war auch keine im Voraus geplante Veränderung. Und auch für mich persönlich ist es eine wirklich schwere Entscheidung gewesen, da ich mit viel Leidenschaft seit über 15 Jahren als Trainer in der ersten und zweiten Liga gearbeitet habe. Allerdings habe ich auch schon immer Bereiche mit abgedeckt, die über das normale Aufgabengebiet eines Trainers hinaus gehen. Und genau das kann ich jetzt nochmal ausbauen und die Weiterentwicklung unseres Projekts an vielen Schnittstellen maßgeblich beeinflussen. Darüber hinaus möchte ich mich gerne auch persönlich noch einmal weiterentwickeln und ich glaube, genau das bietet dieser Schritt jetzt.

 

Aber Hand aufs Herz, fehlt Ihnen künftig nicht die tägliche Arbeit mit den Spielern?

Die tägliche Arbeit in der Halle mit meiner Mannschaft werde ich sicher vermissen. Das wird so sein. Aber es warten sehr spannende und neue Themenfelder auf mich. Zukünftig habe ich zum Beispiel die Aufgabe, alle Mitarbeiter in unserem Club zu führen und dazu gehören natürlich auch die Spieler. In diesem Kontext möchte ich natürlich meinen Erfahrungsschatz aus vielen Trainerjahren mit einfließen lassen.

 

Es wird immer vom Coburger Weg gesprochen, den Sie weiterführen wollen. Erläutern Sie uns diesen bitte?

Wir haben uns vor zwei Jahren gefragt, wie lassen sich unsere Ressourcen noch zielgerichteter nutzen? Und meine Aufgabe war es, dafür ein passendes Konzept, den „Coburger Weg“ zu entwickeln. Kurz erläutert basiert es auf drei Säulen: (1.) ein Bundesligateam, welches bewusst auf jeder Position einen erfahrenen und einen hochtalentierten Spieler hat. Im Idealfall kommt der junge Mann aus den eigenen Reihen. Insgesamt also ein Team, welches sich gegenseitig extrem puschen kann. (2.) Die Zielstellung einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unseres Nachwuchsbereichs. Und (3.) Die bewusste Einbindung ehemaliger Spieler in verschiedenen Aufgabenbereichen des Projekts. Diese Menschen bringen in meinen Augen nicht nur viel Erfahrungswissen, sondern auch ein Höchstmaß an Identifikation mit.

 

Wo sehen Sie Ihr künftiges Aufgabenfeld?

Künftig werde ich mich um die Gesamtausrichtung des HSC Coburg kümmern. Die Geschäftsführung ist natürlich ein Teil. Ein weiterer Bereich ist die Sportliche Leitung. Generell ist mir aber bewusst, dass wir eine wirkliche Weiterentwicklung des Clubs nur dann schaffen, wenn wir nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz als Team arbeiten. Und da bin ich sehr froh, dass ich zum Beispiel in unserem Office so kompetente und motivierte Mitstreiter habe. Die Aufgaben eines Bundesligavereins sind sehr umfangreich und vielfältig, die Mitarbeiterzahl eigentlich zu gering. Gerade deswegen bin ich sehr dankbar für dieses Engagement über das normale Maß hinaus.

 

Die Corona-Pandemie wird auch unter der Veste ihre Spuren hinterlassen?

Das ist richtig und belastet momentan ja fast jede Branche. Umso wertvoller ist die Erkenntnis, dass es in unserem Umfeld bei den Anhängern und Fans und auch bei unseren Sponsoren so eine hohe Solidarität zum Verein gibt. Wir sind aktuell auf Hilfe und Unterstützung angewiesen und wir erleben sie. Und das ist ein tolles Gefühl!

 

Die Corona-Pandemie, auch eine Chance zu Veränderungen im Bundesliga-Handball. Holger Glandorf fordert eine Spielplan-Revolution. "Was man als Erfahrung aus der Corona-Krise überlegen kann, sind kombinierte Spieltage mit Gegnern aus einer Region, um die Reisebelastungen gering zu halten", sagte der Feldtor-Rekordschütze der Bundesliga, der gerade seine Laufbahn bei der SG Flensburg-Handewitt beendet. Wie stehen Sie dazu?

Es gibt ja wirklich einige positive Erkenntnisse aus dieser schweren Zeit. Und deswegen sollte man auch schauen, was man zukünftig davon nutzen kann. Holger hat Recht mit seiner Message, dass es auch möglich sein sollte, Dinge zu hinterfragen und perspektivisch anzupassen. Ein „intelligenter“ Spielplan, der auf eine bessere Belastungsverträglichkeit abzielt, wäre mit Sicherheit ein positiver Gewinn aus dieser für uns alle schweren Zeit.

 

Manche Geschäftsführer oder Manager nehmen bei den Spielen mit auf der Bank ihrer Teams Platz. Wie werden Sie es halten?

Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken gemacht. Dafür ging das alles viel zu schnell. Und außerdem ist das auch gar nicht wichtig. Viel wichtiger ist es jetzt, im Rahmen unseren Möglichkeiten, gute Personalentscheidungen zu treffen.

 

Noch ein Wort zur abgelaufenen Saison vom Aufstiegscoach Jan Gorr. Was sprach für den Zweitliga-Meister HSC Coburg?

Wir haben über die Saison gesehen eine extrem hohe Zuverlässigkeit in unserer Spielleistung gehabt. Da gab es nur wenige Ausreißer. Auch die Heimstärke mit 100% gewonnenen Partien spricht hier eine deutliche Sprache. Und letztlich haben wir aus der vergangenen Saison gute Lehren gezogen und bewiesen, dass wir uns nochmal steigern können.

 

Der HSC Coburg gab zuletzt viele Vertragsverlängerungen bekannt, vermeldete jüngst zwei Magdeburger Youngster als Neuzugänge. Rechtsaußen Paul Schikora und Kreisläufer Justin Kurch wechseln aus der Reserve des SC Magdeburg zum HSC und ersetzen Max Jaeger (HC Erlangen) und Marcel Timm (TBV Lemgo Lippe). Wird es weitere personelle Veränderungen geben?

Lukas Wucherpfennig sucht eine neue Herausforderung und Sebastian Weber beendet seine erfolgreiche Karriere. Von daher suchen wir noch zwei bis drei neue Spieler, die unseren erfolgreichen Stamm noch einmal ergänzen. Dazu kommt natürlich die Suche nach einem neuen Trainer, die an dieser Stelle Priorität genießt.

 

Wie sieht die Zukunft des Ex-Eisenachers Girts Lilienfelds aus?

Girts hat sehr erfolgreich seine Berufsausbildung abgeschlossen und wird uns im kommenden Jahr aller Voraussicht nach auch weiter als Nachwuchstrainer unterstützen. Damit kann er seine jahrelange Erfahrung an unsere Talente weitergeben und dafür sind wir auch sehr dankbar.

 

Haben Sie schon einen Nachfolger für sich auf dem Trainerstuhl des HSC Coburg im Auge?

Natürlich habe ich hierüber bereits Gedanken gemacht. Aber richtig einsteigen kann ich in diese Thematik natürlich erst jetzt. Wir haben ein gewisses Anforderungsprofil an den neuen Coach und das gilt es in persönlichen Gesprächen dann auch abzugleichen.

 

Welche Chancen räumen Sie Ihrem HSC Coburg in der Beletage des deutschen Handballs ein?

Als Aufsteiger wird es für uns in erster Linie darum gehen, die Spielklasse zu erhalten. Und das ist bei möglichen vier Absteigern in der stärksten Liga der Welt schwer genug. Da geben wir uns keinen Illusionen hin. Aber ich glaube schon, dass wir mit einem funktionierenden Team durchaus die Chance haben, uns mit fünf oder sechs anderen Team um die rettenden Plätze zu duellieren.

 

Eine Frage an den Geschäftsführer Jan Gorr: Plant der HSC Coburg für die kommende Saison höhere Eintrittspreise?

Wir haben uns darauf verständigt, dass wir unsere Eintrittspreise trotz des Aufstiegs nur moderat erhöhen. Das entspricht sicher nicht dem Ligaschnitt aber wir wissen auch um die aktuelle Situation der Leute und möchten da von unserer Seite auch etwas für unsere Anhänger tun. Denn nachdem einige Spiele der vergangen Spielzeit ja ausfallen mussten, hat der überwiegende Teil unserer Fans auch auf Rückforderungen verzichtet.

 

Für wann rechnen Sie mit dem Beginn der Punktspiele in den Handballbundesligen der neuen Saison?

Das ist schwierig zu sagen. Es gibt verschiedene Modelle, mit denen sich die Spielplankommission aktuell beschäftigt. Das ist keine beneidenswerte aber eben eine äußerst wichtige Aufgabe. Wir hoffen auf einen Start Anfang September. Trotzdem müssen wir uns auch auf andere Zeitpunkte vorbereiten.

 

Herzlichen Dank für dieses aktuelle Interview unmittelbar nach der Bekanntgabe Ihres neuen Jobs beim HSC Coburg.

 

Th. Levknecht