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Von Häuptlingen und Indianern

30 Jahre ThSV Eisenach: Für Rainer Osmann ist der Verein noch immer eine Herzenssache - Von Axel Eger, Sportjournalist der Thüringer Allgemeinen

Der Handball an der Wartburg feiert Geburtstag. Vor 30 Jahren, am 11. Juni 1990, gründete sich der Thüringer Sportverein Eisenach. Hervorgegangen aus der Sektion Handball traditionsreichen BSG Motor blieb der Verein drei Jahrzehnte zuverlässig auf der großen Landkarte des Handballs, war vor allem nach dem ersten Bundesliga-Aufstieg 1997 sieben Jahre lang Heimat und Gastgeber für die nationale und internationale Elite dieses Sports. Nur einmal, in der Saison 2018/19, spielte der ThSV nach dem Betriebsunfall des Abstiegs eine Serie in Liga drei.

Mehr als mit jedem anderen Namen ist die Geschichte des Eisenacher Handballs mit Rainer Osmann verbunden. Der einstige Spieler, Kapitän und Trainer trägt seit 1964 das Mitgliedsbuch der BSG Motor bzw. des ThSV – ununterbrochene 56 Jahre lang. Zweimal (2010 und 2018) ist der heute 69-Jährige, der später als österreichischer Nationaltrainer und Bundestrainer der deutschen Juniorinnen und Frauen in über vierzig Ländern gespielt hat, zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt worden. Ein Gespräch über eine Herzensangelegenheit.

Im Interview: Rainer Osmann

Was ist Ihr Geburtstagswunsch für den ThSV?

Dass es dem Verein gelingen möge, sich in den kommenden drei Jahren in der 2. Bundesliga zu stabilisieren, um dann mit einem echten Plan – und ordentlicher Nachwuchsarbeit – die erste Liga anzupeilen.

 

Was sind Ihre unvergessenen Momente dieser drei Jahrzehnte, von denen Sie eines maßgeblich geprägt haben?

Unvergessen der Anfang, als 1992/93 alles sportlich und wirtschaftlich am Boden lag und wir gemeinsam mit Nicolae Nedef in letzter Minute den Klassenerhalt in der zweiten Liga geschafft haben. Es folgten Jahre anstrengender und schöner Arbeit, zusammen mit Frank Seidenzahl als Präsident und Thomas Dröge als Manager, gekrönt vom Aufstieg 1997 mit der legendären Serie von 53:1 Punkten. Noch bedeutender war dann aber der Klassenerhalt im Oberhaus, den wir in den drei folgenden Jahren kurioserweise immer mit dem 13. Platz geschafft haben – unter 16, unter 18 und auch unter 20 Bundesligisten. Es gab damals Häuptlinge und Indianer, das war unsere große Stärke. Auf dem Parkett – und daneben.

 

Welche war für Sie die beste Eisenacher Mannschaft dieser 30 Jahre?

Ich kann nur für meinen Zeitraum sprechen und sehe die Aufstiegsmannschaft und die, die im ersten Jahr Bundesliga den Klassenerhalt geschafft hat, gleichauf.

 

Gab es Spieler, von denen auch Sie lernen konnten?

Es waren alles tolle Typen, mit denen ich arbeiten durfte. Allerdings hat ein Titel Raduta mich genauso ein Stück geprägt wie der Weltklasse-Rechtsaußen Stephane Joulin.

 

Der Aufstieg und die ersten Bundesligajahre schienen fast wie am Architektenreißbrett konzipiert. Ließe sich heute so etwas noch einmal wiederholen?

Der Aufstieg, das Jahr davor mit wenigen, aber gezielten Verstärkungen, die ersten Spielzeiten in der Bundesliga, dazu die vollständige Entschuldung – das alles war tatsächlich geplant wie am Reißbrett. Auch nach dem Aufstieg hatten wir übrigens nur drei Verpflichtungen getätigt, wiederum ganz gezielt. Ich denke, mit Fachwissen im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich ist solch ein Erfolg wiederholbar.

 

Fehlt im Thüringer Umfeld nicht die nötige wirtschaftliche Substanz?

Es wird immer ein Kampf sein, sportlich und wirtschaftlich, ganz klar. Man muss den richtigen Weg finden. Andere, wie Wetzlar etwa, machen es uns vor.

 

Wie hat sich der Handball in den 30 Jahren verändert?

Er ist athletischer und durch die Regeländerungen schneller geworden. Der Torwart hat eine noch größere Bedeutung bei frei stehenden Würfen bekommen. Hinzu kommt, dass von der ersten bis zur dritten Liga alles viel professioneller ist.

 

Wird der noch immer nicht entschiedene Neubau der Eisenacher Halle zur endlosen Geschichte?

Da kann ich tatsächlich nur den Kopf schütteln. Der Hallenneubau ist seit 2013 das Thema. Damals hatte Frank Seidenzahl den Ausbau der Werner-Aßmann-Halle geplant, seitdem sind sieben Jahre ins Land gegangen. Ich erinnere daran, dass wir nach dem Aufstieg 1997 mit der Stadt, dem damaligen Oberbürgermeister Hans-Peter Brodhun und der Landespolitik die Aßmann-Halle innerhalb eines halben Jahres von 1400 auf 3200 Zuschauer erweitert hatten. Das war letztlich die Basis unserer Erfolge. Zu jener Zeit spielten Handballer aus zehn europäischen Nationalmannschaften bei uns. Sie haben den Namen Eisenachs in die Welt getragen.

 

Worauf kommt es in der jetzigen Krise für den ThSV an?

Ich finde es zunächst stark, wie das Land die Mannschaften mit einem Hilfsfonds unterstützt. Nun kommt es darauf an, dass die Sponsoren die Krise gut überstehen. Dann kann es mit kleinen Schritten aufwärts gehen, so wie sich nach Jahren der Stagnation zuletzt schon wieder einiges in Eisenach bewegt hat.

 

Sie sind seit kurzem Ehrenratsmitglied des ThSV. Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, so wie Ihr Altersgefährte Sead Hasanefendic auch noch als Trainer im Tagesgeschäft auf der Bank zu sitzen?

Ich habe Hochachtung vor Sead, was er mit knapp 72 immer noch leistet. Respekt! Für mich ist ein Platz auf der Bank seit meinem krankheitsbedingten Ausstieg aus dem Job jedoch kein Thema mehr.