Unser Team holt 9-Tore-Rückstand fast auf

Doch das Happyend gelingt nicht. Der ThSV Eisenach unterliegt beim HC Erlangen am Ende hauchdünn mit 23:24 (7:15)

Felix Aellen steuert das Gehäuse des HC Erlangen an - sportfotoseisenach

Was für ein verrücktes Spiel?! Eine Partie mit zwei völlig unterschiedlichen Halbzeiten. In der 18. Minute, beim 2:10-Rückstand, und in der 35. Minute, beim 8:17-Rückstand, schien der ThSV Eisenach einer klaren Niederlage ins Auge zu sehen. Der HC Erlangen wähnte sich auf sicherem Weg zum Doppelpunktgewinn. Die blau-weißen Fans im bestens gefüllten Gästeblock in der Arena Nürnberg glaubten dennoch an ihr Team, feuerten es unablässig lautstark an. „Famos, wie die Eisenacher Fans ihre Mannschaft auch nach einem 9-Tore-Rückstand unterstützten, ihr neues Leben einhauchten“, befand Runar Sigtryggsson, in der Saison 2004/2005 Spieler und Trainer in Eisenach, zuletzt – bis zum Sommer des Jahres – Trainer beim SC DHfK Leipzig. Er war vor allem gekommen, um seinen Sohn Andri Runarsson in den Reihen des HC Erlangen zu sehen. Nach der Erlanger 17:8-Führung (35.) nahm die Partie einen völlig anderen Verlauf. Mit einer aggressiv ausgerichteten offensiven Deckung, mit ganz viel Herzblut, unterstützt durch einen sich steigernden Matija Spikic im Tor, stürzten die Wartbugstädter die Gastgeber von einer Verlegenheit in die andere. „Mit unserer Umstellung und dem Tempospiel setzten wir Erlangen unter Druck. Unsere Angriffsqualität der zweiten Halbzeit war deutlich besser als in der ersten“, konstatierte Sebastian Hinze, der Coach des ThSV Eisenach. Fynn Hangstein, Felix Aellen und Stephan Seitz agierten nun überwiegend im Eisenacher Rückraum Es folgte ein 8:0-Tore-Lauf der Thüringer, den Franken gelang 13 Minuten kein Treffer. „Durch die Umstellung auf eine offensive Abwehr haben wir komplett den Faden verloren“, gestand Johannes Sellin, der Coach des HC Erlangen. Mit 15:7 gingen die letzten 25 Minuten an den ThSV Eisenach. Doch das Happyend gelang nicht. „Wir schaffen es nicht, auf Unentschieden zu stellen. Es wurde ein Crunchtime-Spiel, es kam auf jede Aktion an“, analysierte Sebastian Hinze.  „Riesenrespekt an Eisenach für das Comeback in der zweiten Halbzeit. Riesenrespekt an meine Mannschaft. Wir stellen uns dem entgegen“, bilanzierte Johannes Sellin. Sein Team zitterte sich zu einem 24:23 (15:7) -Sieg über die Zeit.  Rückraum-Shooter Viggo Kristjansson, schon zum Jahreswechsel 2024/2025 vom SC DHfK Leipzig gekommen, und maßgeblich am Klassenerhalt des HC Erlangen beteiligt, an diesem Abend 12 Treffer markierend, auch die Siebenmeter sicher vollstreckend, war ein Garant des hauchdünnen Sieges. Enttäuscht kauerten die Eisenacher Spieler nach der Sirene auf dem Parkett, während die Erlanger jubelten. Freud und Leid lagen wieder einmal ganz dicht beieinander. „Um auswärts was mitzunehmen, bedarf es mehr als einer guten Halbzeit“, stellte Eisenachs Geschäftsführer Rene Witte fest. „Wir müssen wieder das Niveau unseres Angriffsspieles von vor der Länderspielpause erreichen“, lautet eine wichtige Erkenntnis von Sebastian Hinze. „Das Timing passt nicht“, konkretisierte Eisenachs Spielmacher Felix Aellen.

Zwei extrem unterschiedliche Halbzeiten hatte auch der in der Halle weilende Rainer Osmann, Legende des Eisenacher Handballs, Spieler, Kapitän und Trainer, als Coach mit dem ThSV Eisenach 1997 in die 1. Handballbundesliga aufgestiegen, später (im Jahr 2001) auch mal Coach beim HC Erlangen, seit einigen Jahren im Fränkischen wohnend, gesehen.  „Der ThSV Eisenach war im ersten Abschnitt im Angriff ausgesprochen harmlos. Erlangen stand kompakt in der Abwehr. Aus beiden resultierte die klare Pausenführung. Nach dem Seitenwechsel zeigte sich der ThSV Eisenach wesentlich strukturierter im Angriff. Das Zusammenspiel zwischen Abwehr und Torwart war deutlich besser. Bei Erlangen waren viele erfolglose Einzelaktionen zu sehen, sodass es für Erlangen am Ende sehr knapp wurde“, fasste Rainer Osmann seine Eindrücke zusammen.

 

„Wir haben uns im ersten Abschnitt von der offensiven Abwehr stressen lassen.“

„Zu Beginn sind uns zu viele Fehler unterlaufen. Wir haben uns von der offensiven Abwehr der Erlanger stressen lassen. In der zweiten Halbzeit agierten wir deutlich besser, setzten mit unserer Abwehr die Gastgeber gehörig unter Druck“, rekapitulierte Eisenachs Rückraumspieler Stephan Seitz, in der Vorsaison bis zum Jahreswechsel beim HC Erlangen aktiv. „Der klare Rückstand im ersten Abschnitt resultierte vornehmlich aus unserer miserablen Angriffsleistung. Das Timing untereinander passte überhaupt nicht. Uns fehlte die Konsequenz in unseren Aktionen. Von der Torwartposition bekamen wir zu wenig Unterstützung. Wir haben den Zugriff in der Defensive verloren. Nach dem Seitenwechsel, insbesondere nach dem 9-Tore-Rückstand, wurde es deutlich besser. Wir agierten aggressiver, uns gelangen Ballgewinne, die wir zu Tempogegenstößen nutzten, Matija Spikic brachte uns mit seinen Paraden zurück ins Spiel. Jeder erfolgreiche Gegenstoß ließ unser Selbstvertrauen wachsen, heizte unsere Aufholjagd an. Wir haben die zweite Halbzeit deutlich gewonnen. Das spricht für unsere Aufholjagd. Das ist positiv zu bewerten. Wir haben bis Donnerstag, dem Heimspiel gegen den TVB Stuttgart, Zeit, um unser Niveau von vor der Länderspielpause zu erreichen“, unterstrich Felix Aellen.

„Das Problem der ersten Halbzeit war unser Angriffsspiel. Wir waren weit weg von dem Level, den wir spielen können. Defensiv agierten wir auch nicht optimal, doch das war nicht das Hauptproblem der ersten Halbzeit“, befand Sebastian Hinze. Zahlen belegen das. Die Wurfquote der Eisenacher lag im ersten Abschnitt bei 44 Prozent, die des HC Erlangen bei 79 Prozent. Erlangens Keeper Dario Quenstedt bekam für parierte Bälle im ersten Abschnitt mehrfach Sonderbeifall. Bis zur 18. Minute gelangen dem ThSV Eisenach gerade einmal zwei Treffer. Wie beim Pokalspiel zwei Tage zuvor bei den Füchsen Berlin lagen die Wartburgstädter mit 2:10 hinten. Stephan Seitz versuchte an seiner ehemaligen Wirkungsstätte Akzente zu setzen, wurde wie seine Teamkollegen konsequent gestoppt. Bei Holztreffern (Seitz, Büchner) hatten die Eisenacher Wurfpech. Erst nach der zweiten Auszeit von Sebastian Hinze stabilisierte sich der ThSV Eisenach. Alexander Saul, im rechten Rückraum gekommen, markierte den 5. Eisenacher Treffer (11:5/ 26.). Viggo Kristjansson besorgte mit einem Distanzwurf und einem Treffer vom Siebenmeter-Strich den 15:7-Pausenstand.

Rasante Crunchtime

Andri Runarsson erhöhte nach Wiederanpfiff auf 16:7. Einen Ballgewinn verwertete Viggo Kristjansson zum 17:8. Die Weichen für einen ruhigen Abend schienen gestellt. Weit gefehlt! Die Eisenacher auf Parkett und Rängen zündeten die famose Aufholjagd. Peter Walz behauptete sich trotz Foulspiel, der sprintende Abwehrchef Philipp Meyer verwertete einen Steilpass ins leere Tor, Fynn Hangstein versetzte den Deckungsinnenblock, Vincent Büchner versenkte zwei Gegenstöße, Felix Aellen narrte mit schneller Bewegung die Abwehr. Die Angriffsversuche der Hausherren endeten spätestens bei ThSV-Schlussmann Matija Spikic. Erlangens Coach Joannes Sellin rief zur Auszeit. 2,07-Meter-Mann Antonio Metzner kam im Rückraum. Khalifa Ghedbane löste Dario Quenstedt im Franken-Kasten ab.  Fynn Hangstein markierte Eisenachs Anschlusstreffer (17:16, 46.). Wer hätte das vor 9 Minuten gedacht? Der Ausgleichstreffer fiel aber nicht. Viggo Kristjansson verwandelte vom Strich zum 18:16 (48.), Sekunden später vollstreckte Oskar Joelsson aus der gleichen Entfernung (18:17/48.). Das Feuer der Leidenschaft hatte alle Eisenacher im weiten Rund erfasst. Längst war es eine rasante Partie, nichts für schwache Nerven. Stephan Seitz lochte zum Anschlusstreffer ein (21:20/57.), ebenso Moritz Ende  (22:21/ 58.) als Antwort auf den Treffer von Maciej Gebala vom Kreis. Dem Siebenmeter-Treffer von Viggo Kristjansson zum 23:21 ließ Felix Aellen den Treffer zum 23:22 folgen (59.). Viggo Kristjansson netzte zum 24:22 ein. Vincent Büchner gelingt 20 Sekunden vor dem Ende der neuerliche Anschlusstreffer (24:23). Vigo Kristjansson unterläuft ein technischer Fehler. Der letzte Eisenacher Wurf von der Mittellinie bleibt erfolglos. Überschäumender Jubel auf der einen, tiefe Niedergeschlagenheit auf der anderen Seite.

„Ein Riesenkompliment an unsere Fans. Großer Dank an sie im Namen der gesamten Mannschaft. Im ersten Abschnitt fehlte die Durchschlagskraft im Angriff, waren wir nicht mutig genug. Famos unser Comeback im zweiten Abschnitt. Was uns im ersten Abschnitt passiert ist, passierte nun dem HC Erlangen. Wir hatten in 48 Stunden 1.200 Reise-Kilometer und zwei schwere Spiele zu bestreiten, das ist zumindest zu erwähnen, ohne in den Mittelpunkt zu stellen. Für uns gilt es zu generieren, am Donnerstag wartet schon die nächste Aufgabe, dann in der heimischen Halle“, formulierte Rene Witte abschließend.

Da war schon längst das Arena-Personal am Arbeiten, beginnend mit dem Abbau der Handballtore, der Beräumung des gesamten Handballfeldes.  Tags darauf gab Sängerin und Songwriterin Kerstin Otto vor ausverkaufter Halle ein Konzert….

 

Statistik HC Erlangen - ThSV Eisenach 24:23 (15:7)

HC Erlangen: Quenstedt (7P.), Ghedbane (2P.), Herceg; Runarsson 2, Kos, Nissen 2, Bialowas, Overjördet 2, Scheerer, Bissel 2, Metzner, Buck, Steinert, Kristjansson 12/6, Gebala 3, Gömmel 1

ThSV Eisenach: Spikic (10P.), Heinevetter (1P.); Joelsson 3/2, Reichmuth, Hangstein 3, Walz 1, Ende 3, Aellen 5, Meyer 1, Antonijevic, Seitz 2, Kurch, Büchner 3, Saul 1, Leu 1

Siebenmeter: HC Erlangen 6/6 – ThSV Eisenach 2/2

Strafminuten: HC Erlangen 2 x 2 Min. – ThSV Eisenach 2 x 2 Min.

Schiedsrichter: Konrad Gimmler / Jannik Rips

Zuschauer: 5.500 in der PSD Bank Nürnberg ARENA

Zuschauer: 5500 (PSD Bank Arena, Nürnberg)
Schiedsrichter: Konrad Gimmler / Jannik Rips
Strafminuten: 4 / 4

Th. Levknecht 

Peter Walz wird hart attackiert - sportfotoseisenach
Fynn Hangstein bekommt was ab....sportfotoseisenach
Vincent Büchner beim Torwurf - sportfotoseisenach
Tillman Leu zieht vom Kreis ab -sportfotoseisenach
Peter Walz (li.) versucht Tillman Leu nach dem Abpfiff zu trösten - sportfotoseisenach
Gut gefüllt, der Gästeblock in der Arena Nürnberg - sportfotoseisenach
Unser Team dankt den mitgereisten Fans für ihre Unterstützung während der gesamten Partie - sportfotoseisenach
Eisenachs Handball-Urgestein Rainer Osmann (Mitte), inzwischen m Fränkischen wohnend, war in der Nürnberger Arena, traf auf den ehemaligen Eisenacher Pressesprecher Thomas Levknecht (re.) und den langjährigen ThSV-Fan Stephan Tautz, jetzt in der Nähe von Salzburg wohnend